Olivier Ameisen beantwortet Fragen zu Baclofen und Sucht

F Nach medizinischer Lehrmeinung ist Sucht unheilbar und Abstinenz die einzige Lösung. Was hat sich verändert?

A Es gibt einen Wirkstoff, ein Generikum, der seit langem problemlos gegen Muskelverspannungen verschrieben wird. Er kann die Symptome und Folgen einer Sucht vollständig beseitigen und Millionen Abhängigen und ihren Familien rasche, mühelose Erleichterung bringen. Baclofen beendet den täglichen Kampf um Abstinenz, weil es den Patienten gleichgültig gegenüber Alkohol oder einem anderen Suchtmittel oder suchthaftem Verhalten macht. Die Wirkung tritt innerhalb weniger Wochen ein und lässt im Laufe der Zeit nicht nach.

FIst Sucht eine echte Krankheit?

A Die medizinische Wissenschaft und medizinische Autoritäten wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Amerikanische Ärztevereinigung (AMA) stimmen darin überein, dass es bei Sucht nicht um Willensstärke und Moral geht, sondern dass eine biologische Krankheit vorliegt wie bei Krebs, Diabetes oder Herzerkrankungen. Bei allen stoffgebundenen und nicht stoffgebundenen Süchten (nicht stoffgebunden sind Spielsucht, Esssucht, Kaufsucht, Sexsucht) geraten in gleicher Weise die Neurotransmittersysteme im Gehirn durcheinander, das heißt, die Muster, wie Informationen zwischen den Nervenzellen übermittelt werden, verändern sich auf charakteristische Weise.

F Was macht Menschen anfällig für eine Sucht?

A Angststörungen, affektive Störungen wie Depression, posttraumatische Belastungsstörung (ptbs) und Störungen der Impulskontrolle erzeugen die gleichen Transmissionsmuster wie Sucht, und ein entsprechendes Ungleichgewicht infolge einer solchen Störung ist die wahrscheinlichste Erklärung, warum jemand anfällig für Sucht ist. Eine Studie über Alkoholismus und verwandte Probleme der amerikanischen Gesundheitsbehörde stellte fest, “die Korrelationen zwischen den meisten Formen von Substanzmissbrauch und unabhängig davon bestehenden affektiven und Angststörungen sind überwältigend positiv und signifikant.”

F Ersetzt man nicht mit Baclofen eine Droge durch eine andere?

A Es ist nachgewiesen, dass Baclofen nicht abhängig und nicht euphorisch macht. Wer Baclofen nimmt, entwickelt kein Verlangen (Craving) danach. Mit Baclofen ersetzt man nicht eine Droge durch eine andere, sondern es ist wie die Einnahme von Betablockern bei Bluthochdruck.

F Was unterscheidet Baclofen von anderen Medikamenten gegen Sucht?

A Andere Medikamente verringern bestenfalls die Symptome und Folgen der Sucht ein wenig. Baclofen beseitigt sie vollständig.

F Kann die medizinische Wissenschaft erklären, warum Baclofen so anders wirkt als andere Medikamente?

A Baclofen ist einer von nur zwei Stoffen, von denen man weiß, dass sie am GABA-B-Rezeptor im Gehirn wirken, und Baclofen ist der einzige, der nicht selbst abhängig macht. Über den GABA-B Rezeptor beeinflusst Baclofen drei Neurotransmitter positiv — Dopamin, Glutamat und GABA —, die zum Belohnungssystem des Gehirns gehören und bei allen suchthaften und zwanghaften Verhaltensweisen eine Rolle spielen und ebenso bei Störungen wie Angst und Depression. Wie genau das geschieht, muss aber erst noch erforscht werden.

F Welche Beweise gibt es, dass Baclofen bei Sucht hilft?

A Viele Tierversuche haben gezeigt, dass Baclofen in einer Dosierung von 1 bis 5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht den Antrieb unterdrückt, ein Suchtmittel zu konsumieren. Versuchstiere, die man von Alkohol, Amphetaminen, Kokain, Heroin und anderen Opiaten oder von Nikotin abhängig gemacht hatte, verloren jedes Interesse an diesen Stoffen, wenn sie Baclofen in dieser Dosierung bekamen.

Ich habe als Erster diese Erkenntnisse auf die Sucht bei Menschen übertragen und habe mich dadurch vollständig von meiner schweren Alkoholabhängigkeit befreit, wie ich in meinem Buch beschreibe. Inzwischen haben immer mehr Patienten das auch geschafft, indem sie meinem Behandlungsprogramm folgten.

F Ist Baclofen ein sicheres Medikament?

A Baclofen ist erwiesenermaßen ein sicheres Medikament, das nicht süchtig macht und keine belastenden Nebenwirkungen hat. In Amerika wurde es ursprünglich zur Lösung von Muskelverspannungen und für ähnliche Probleme zugelassen. In der Neurologie setzt man es seit den 1960er-Jahren als Langzeitbehandlung zur Symptomlinderung bei Erwachsenen und Kindern ein. Ein Medikament zur Symptomlinderung muss die höchsten Sicherheitsanforderungen erfüllen, weil man in dem Fall nicht Nebenwirkungen gegen die Chance auf Behandlung eines lebensbedrohlichen Zustands abwägt, sondern ein solches Medikament nur zur Verbesserung der Lebensqualität verschrieben wird.

F Ist Baclofen speziell für Sucht zugelassen?

A Baclofen bei Sucht zu geben ist eine sogenannte Off-Label-Verordnung oder zulassungsüberschreitende Anwendung. Wenn ein Medikament für eine bestimmte Indikation zugelassen wurde, können Ärzte es auch in anderen Fällen verschreiben, wenn sie meinen, dass es hilfreich sein kann. Die amerikanische Ärztevereinigung AMA sagt, ein Medikament kann off-label verschrieben werden, wenn es “im Interesse des Patienten” liegt. Solche Verschreibungen sind sehr häufig, sie machen über 23 Prozent aller Verschreibungen aus, bei Krebs sogar über 60 Prozent.

Topiramat, ein bei Sucht oft eingesetztes Medikament, wurde beispielsweise für Epilepsie zugelassen und wird bei Sucht off-label verschrieben. Naltrexon wurde in Dosierungen bis 50 Milligramm täglich speziell für Sucht zugelassen und wird häufig off-label in höheren Dosierungen verordnet. Weder Topiramat noch Naltrexon haben sich bei Sucht als genauso wirksam erwiesen wie hoch dosiertes Baclofen.

Baclofen bei Sucht zu geben ist eine legitime Off-Label-Verordnung. Dr. med. Dr. phil. Markus Heilig, der klinische Direktor des Nationalen Instituts für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde, sagt: “Es ist sicherlich nichts falsch daran, wenn Ärzte Baclofen off-label verschreiben.”

F Muss man sich an die Einnahme von Baclofen erst gewöhnen?

A Zunächst einmal: Baclofen ist ein verschreibungspflichtiges Medikament und sollte nur nach Vorschrift und unter Kontrolle des Arztes eingenommen werden. Wenn man zum ersten Mal Baclofen nimmt oder die Dosis steigert, kann es über ein oder zwei Tage schläfrig machen oder zu Muskelschwäche führen. Das geht vorbei, und dann kann der Patient die Dosis weiter steigern, so lange, bis er kein Verlangen nach dem Suchtmittel oder andere Symptome der Sucht mehr verspürt. Nach meinen eigenen Erfahrungen und dem, was andere Patienten berichten, ist die zeitweilige Schläfrigkeit ein Hinweis, dass das Medikament zu wirken beginnt. Als weitere Nebenwirkungen können Kopfschmerzen oder Schwindel auftreten. Bei den meisten Patienten, die wegen Muskelproblemen oder Sucht hohe Dosen Baclofen genommen haben, sind die Nebenwirkungen innerhalb von ein bis zwei Tagen verschwunden, und immer waren sie komplett reversibel. Bei meiner Erhaltungsdosis habe ich keine Nebenwirkungen.

F Wie viel Baclofen muss ein Patient nehmen?

A Das ist unterschiedlich je nach Körpergewicht, Schwere der Abhängigkeit und anderen Faktoren. Studien haben gezeigt, dass Versuchstiere bei Dosierungen zwischen 1 und 5 Milligramm Baclofen pro Kilogramm Körpergewicht jedes Interesse an Suchtmitteln verloren haben.

Nach meiner Erfahrung und Berichten von anderen Patienten gibt es eine Schwellendosis, die nötig ist, um den Kreislauf von Verlangen nach dem Suchtmittel und Gedankenfixierung auf das Suchtmittel zu durchbrechen, und diese Schwellendosis ist höher als die Erhaltungsdosis, die ein Patient braucht, um von der Sucht frei zu bleiben.

F Muss ein Betroffener weiter Baclofen nehmen, um von der Sucht frei zu bleiben?

A Ja, es ist wie mit Insulin bei Diabetes oder Medikamenten bei anderen chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck.

F Wie sind Sie auf Baclofen gestoßen?

A Ich war hoffnungslos alkoholabhängig, und meine Ärzte und ich rechneten damit, dass ich am Alkohol sterben würde. Einer Freundin, die oft von mir gehört hatte, dass ich vermutete, meine chronischen Muskelverspannungen und meine Angst könnten mit meiner Alkoholabhängigkeit zu tun haben, fiel ein Artikel über Baclofen in der New York Times ins Auge. Darin wurde berichtet, dass ein kokainabhängiger Paraplegiker, ein an Armen und Beinen gelähmter Mann, der Baclofen gegen Muskelkrämpfe erhielt, darüber klagte, dass er mit dem Medikament nicht mehr high werde. Aber Baclofen dämpfte auch sein Verlangen nach dem Suchtmittel, wenn er es nicht bekommen konnte. Der Artikel war für mich der Beginn eines langen Weges. Wenn ich nüchtern war, suchte ich nach mehr Informationen. Weil die üblichen Behandlungen mir nicht halfen — leider helfen sie den meisten Menschen mit einer schweren Abhängigkeit nicht, sie dauerhaft zu überwinden —, beschloss ich, Baclofen auf eigene Faust auszuprobieren. Das ging, weil ich Arzt bin und mir das Medikament selbst verschreiben konnte. Durch Versuch und Irrtum habe ich die Dosis herausgefunden, die mein Verlangen nach Alkohol vollkommen unterdrückt hat, und seitdem bin ich krankheitsfrei — seit über fünf Jahren!

F Bei welchen Süchten kann Baclofen helfen?

A In Tierversuchen unterdrückt es den Antrieb zum Konsum von Alkohol, Kokain, Heroin, Amphetaminen und Nikotin. Es gibt auch vielversprechende Hinweise, dass es bei Bulimie und Esssucht wirken könnte. Forscher haben kürzlich herausgefunden, dass Menschen mit einer Drogensucht und Menschen mit einer sogenannten nicht stoffgebundenen Sucht wie Spielsucht, Kaufsucht, Esssucht und Sexsucht bestimmte Neutrotransmissionsmuster gemeinsam haben. Baclofen könnte die Behandlung für viele oder womöglich alle diese eng verwandten Krankheitsbilder revolutionieren.

F Hilft Baclofen auch bei Begleiterkrankungen der Sucht wie Angst, Depression und Zwangsstörungen?

A Ja. Angst, Depression und Zwangsstörungen lösen Neurotransmissionsmuster aus, die ganz ähnlich wie die bei stoffgebundenen und nicht stoffgebundenen Süchten sind. In all diesen Fällen sind die Neurotransmitter Dopamin, Glutamat und GABA aus dem Gleichgewicht geraten. Baclofen wirkt an den GABA-B-Rezeptoren im Zentralnervensystem und sorgt so dafür, dass Dopamin, Glutamat und GABA wieder ins Gleichgewicht kommen. Nur von zwei Stoffen wissen wir, dass sie an den GABA-B-Rezeptoren wirken, einer davon ist Baclofen, und nur Baclofen macht nicht abhängig. Es ist dokumentiert, dass Baclofen Angst und Panik lindert, und es gibt überzeugende klinische Hinweise, dass es auch bei Depression, sonstigen affektiven Störungen und Zwängen helfen kann. Ich hatte eine Neigung zu zwanghaftem Kaufen, und ganz früh schon hat mich Baclofen davon befreit.

F Warum wird Baclofen nicht bereits viel häufiger bei Sucht verschrieben?

A Erst seit den 1990er-Jahren ist bekannt, dass Baclofen bei Sucht hilft, und medizinische Lehrmeinungen ändern sich langsam. Wie Albert Einstein gesagt hat: “Es ist leichter, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil.” Trotz überwältigender Hinweise — und es werden dauernd mehr —, dass Sucht eine biologische Krankheit ist, hält sich hartnäckig die Überzeugung, dass es hauptsächlich um Willenskraft und Charakterstärke geht und deshalb die Behandlungen ausreichen, die man heute hat.

Außerdem ist es heute ein Fulltime-Job, wenn Ärzte sich über sämtliche Fortschritte in ihrem jeweiligen Spezialgebiet auf dem Laufenden halten wollen, ganz zu schweigen von dem, was in anderen Gebieten passiert. Selbst die meisten Suchtmediziner wissen einfach nichts von den spektakulären Wirkungen von Baclofen in Tierexperimenten und seinem langen, sicheren Einsatz in der Neurologie. Als Kardiologe weiß ich eine Menge über Herzmedikamente, aber von Baclofen hatte ich bis November 2000 nichts gehört, obwohl ich einige gute Freunde habe, die Neurologen sind.

Und schließlich ist Baclofen ein Generikum, ein Wirkstoff, der nicht unter Patentschutz steht, und große Studien zu Sucht werden immer von Pharmafirmen finanziert. Sie haben keinen Anreiz, Geld für Forschung und Vermarktung eines Mittels auszugeben, mit dem sich nichts verdienen lässt. In Anbetracht der finanziellen und menschlichen Kosten einer Sucht ist der Anreiz für die Gesellschaft insgesamt hoch, aber bisher haben noch zu wenig Leute von Baclofen gehört, und es bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient.

F Wie viel würde eine wissenschaftliche Studie mit Baclofen kosten?

A Eine randomisierte Studie, das heißt eine Studie mit ausreichend vielen Teilnehmern, sodass das Ergebnis statistisch aussagefähig ist, bei der die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip auf eine Baclofen-Gruppe und eine Kontrollgruppe verteilt werden, würde rund eine halbe Million Dollar kosten. Dem muss man gegenüberstellen, dass in den Vereinigten Staaten jedes Jahr über 100 000 Menschen direkt und indirekt an Alkohol sterben, das sind 270 Menschen pro Tag. Weltweit sterben 2 Millionen jährlich oder 5500 am Tag. Allein in den Vereinigten Staaten belaufen sich die Kosten von Alkoholabhängigkeit durch Arbeitsausfälle, Aufenthalte in Krankenhäusern und Entzugskliniken und sonstige Behandlungen schätzungsweise auf fast 200 Milliarden Dollar jährlich. Wenn wir dazu noch die Kosten anderer Suchterkrankungen addieren, von dem menschlichen Leid ganz zu schweigen, das sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt, dann ist die halbe Million für eine randomisierte Studie verschwindend wenig.

F Aber hat es nicht einige kleinere Studien mit Baclofen bei Alkoholismus und Kokainsucht gegeben?

A Ja, aber mit sehr geringen Dosen, zu gering, um die Symptome und Folgen der Sucht unterdrücken zu können. Die Dosierungen von Baclofen, die man bisher in Alkoholstudien eingesetzt hat, lagen unter den Anfangsdosen, die Neurologen Kindern gegen Muskelspastiken geben. Ich habe Baclofen in Dosierungen genommen, die bei Tieren den Antrieb zum Konsum eines Suchtmittels beseitigten, und habe mich damit von der Alkoholsucht befreit. Erst danach erfuhr ich, wie sicher Baclofen ist und dass ich immer noch weniger Baclofen nahm, als Neurologen ihren Patienten zur Symptomlinderung verschreiben.

F Hatten Sie nicht Angst, dass Baclofen schädlich sein könnte?

A Doch, große Angst sogar. Meine größte Befürchtung war, dass Baclofen meine Muskeln so sehr entspannen könnte, dass ich im Schlaf zu atmen aufhören würde. Aber nach meinem jahrelangen Kampf gegen die Alkoholsucht schien es mir besser, in Würde auf der Suche nach einer Behandlung zu sterben. Es war dann wunderbar, zu erfahren, dass Baclofen ein so sicheres Medikament ist.

F Was glauben Sie, warum sind Sie Alkoholiker geworden?

A Bei den Anonymen Alkoholikern habe ich immer wieder gehört, dass Menschen erzählten, sie hätten ihr ganzes Leben an einem körperlichen und/oder seelischen Unbehagen gelitten infolge Angst, Depression oder einer ähnlichen Störung, und nur das Trinken habe ihnen Erleichterung verschafft. Von frühester Kindheit an litt ich auch unter einer solchen Form von unterschwelliger Dysphorie, um es mit dem medizinischen Fachausdruck zu bezeichnen, infolge chronischer Angst. Als Jugendlicher und Erwachsener steigerte sich die Angst häufig bis zu quälenden Panikattacken. Die Medikamente, die mir dagegen verschrieben wurden, halfen nicht viel, und ich konsumierte Alkohol als Beruhigungsmittel, besonders in sozialen Situationen, die mit Stress für mich verbunden waren. Eine ganze Zeit lang war ich ein maßvoller sozialer Trinker, aber irgendwann stürzte ich in die Alkoholsucht ab. Baclofen hat mir so geholfen, weil es nicht nur meinen Alkoholismus, sondern auch meine lange zuvor bestehende Angst beseitigt hat. Wieder gilt: Es wirkt wahrscheinlich so, weil bei Sucht die gleichen Neurotransmitter im Spiel sind wie bei Angst und Depression.

F Wie ist Ihre Einstellung zu den Anonymen Alkoholikern (AA)?

A Von tiefer Dankbarkeit und Bewunderung geprägt. Ich bin lange regelmäßig zu AA-Meetings gegangen und habe immer von den anregenden Menschen dort und den klugen Ratschlägen für das Leben profitiert. Ohne die AA hätte ich vielleicht nicht lange genug gelebt, um in Baclofen ein wirksames Medikament zu finden. Sie haben mich gelehrt, meine Krankheit zu akzeptieren, und ich habe viel über meine Leidensgenossen gelernt, aber sie konnten gegen mein Verlangen nach Alkohol und gegen die nicht zu beherrschende Angst, die mich zur Flasche greifen ließ, nichts ausrichten. Die Anonymen Alkoholiker und die Anonymen Drogensüchtigen (NA) sind außerordentliche Organisationen, die viel Gutes bewirken, aber sie allein schaffen es nicht, Menschen mit einer schweren Sucht zu helfen, dass sie nicht wieder rückfällig werden.

F Wenn man abhängigen Menschen Baclofen gibt, eröffnet man ihnen dann nicht ein Schlupfloch, dass sie nicht die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und ihr Leben in Ordnung bringen müssen?

A Ganz und gar nicht. Sucht als eine biologische Krankheit zu verstehen bedeutet nicht, dass die Menschen nicht mehr Verantwortung übernehmen müssen, dass sie nicht motiviert sein müssen und Willensstärke brauchen, um gesund zu werden. Nach wie vor müssen sie aus der Sucht herauskommen wollen und bereit sein, alles dafür zu tun. Ich habe mit vielen Menschen mit riskantem Trinkverhalten und mit Alkoholikern gesprochen, die den Gedanken, Baclofen zu nehmen, ablehnten, weil sie nicht wirklich mit dem Trinken aufhören wollten. Die Behandlung einer Sucht mit Baclofen bedeutet auch nicht das Ende von Entzugskliniken, 12-Schritte-Programmen wie dem der Anonymen Alkoholiker oder der Anonymen Drogensüchtigen oder von kognitiver Verhaltenstherapie (KVT). Im Gegenteil: Mit Baclofen können solche Behandlungen erst richtig wirken.

Ich konnte die Lehren der AA und der KVT erst umsetzen, als Baclofen mich vom Verlangen nach Alkohol befreit hatte. Seit damals vergeht kein Tag, an dem ich nicht von den Lektionen der AA und der KVT profitiere, um ein besseres, gesünderes Leben zu führen als je zuvor.

F Hat schon einmal ein Arzt zugegeben, an einer Sucht zu leiden, und warum haben Sie sich geoutet?

A Der Anteil der Suchtkranken unter den Ärzten scheint mindestens genauso groß zu sein wie in der allgemeinen Bevölkerung, aber soweit mir bekannt ist, hat kein anderer Arzt und keine Ärztin jemals einen Bericht über seine oder ihre Sucht unter wahrem Namen veröffentlicht. Ich hatte zwar eine Geschichte mit einem glücklichen Ende zu erzählen, trotzdem zögerte ich, meine Identität preiszugeben, weil Sucht immer noch mit einem moralischen Stigma behaftet ist. Aber dann beschloss ich doch, es zu tun, zuerst in einem unabhängig begutachteten Aufsatz in einer medizinischen Fachzeitschrift und dann mit diesem Buch, weil es überfällig ist, dass Sucht als eine biologische Krankheit wie jede andere betrachtet wird. Wie einer meiner Lehrer, der große Kardiologe Philippe Coumel, zu mir gesagt hat: “Wie können Sie sich als Arzt schämen, dass Sie eine Krankheit haben?”

Außerdem verfolge ich mit dem Buch das Ziel, die persönliche Erfahrung der Sucht mit der Erforschung der Sucht zu verbinden, was meines Wissens noch nicht versucht wurde, und ich denke, am überzeugendsten kann ich das tun, wenn ich meinen wahren Namen nenne.

F Haben Sie in der Zeit Ihrer Alkoholabhängigkeit jemals die Hoffnung verloren?

A Ich war oft verzweifelt, aber zugleich habe ich immer daran geglaubt, dass Alkoholismus eine biologische Krankheit ist und dass eine wirksame medikamentöse Behandlung möglich sein muss. Ich klammerte mich an die Hoffnung, zu überleben und die Entdeckung der Behandlung zu erleben. Man könnte sagen, ich war zu dickköpfig, um aufzugeben. Nach meiner festen Überzeugung würde zehn Minuten nach meinem Tod durch Alkohol die Behandlung entdeckt werden.

Dass ich trotz allem so hoffen konnte, verdanke ich in erster Linie meinen Eltern. Sie haben mich Mut und die Macht von Träumen gelehrt. Im Zweiten Weltkrieg, als scheinbar niemand Hitler aufhalten konnte, war mein Vater als französischer Offizier in einem deutschen Kriegsgefangenenlager und meine Mutter in Auschwitz. Aber später erzählten meine Eltern meinen Geschwistern und mir, als wir klein waren, sie seien beide unerschütterlich überzeugt gewesen, dass Nazi-Deutschland besiegt werden würde.
Dank des Vorbilds, das mir meine Eltern gegeben haben, dachte ich während meiner Krankheit oft: Damit ein Wunder geschehen kann, musst du daran glauben, dass es möglich ist. Dass Baclofen wirkt, ist wissenschaftlich erklärbar, aber trotzdem fühlt es sich manchmal wie ein Wunder an.

F Was raten Sie anderen Menschen, die unter einer Sucht leiden?

A Ich fühle mit allen, die gegen eine Suchterkrankung kämpfen, mit ihren Angehörigen und den Menschen, die ihnen nahestehen, denn sie sind genauso von der Sucht betroffen. Ich sage ihnen eindringlich, nicht die Hoffnung zu verlieren und weiter an die Chance auf Genesung zu glauben.

Mein Buch ist kein Ratgeber und ganz gewiss nicht als Leitfaden zur Selbstbehandlung gedacht. Baclofen ist ein verschreibungspflichtiges Medikament und sollte nur auf Verordnung und unter Kontrolle eines qualifizierten Arztes eingenommen werden. Aber für all die Betroffenen, denen die üblichen Behandlungen nicht ausreichend geholfen haben, soll mein Buch die Grundlage für ein Gespräch mit ihren Ärzten sein, ob Baclofen vielleicht das richtige Mittel für sie sein könnte, so wie es für mich das richtige Mittel war.